56. Konzertsaison 22|23
HEIMAT

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Musik & Text
 

CARMINA QUARTETT

ANDREAS MÜLLER-CREPON, TEXTE

A1

Fr  09. September 2022, 19:30

Landenberghaus Greifensee

CHF 45

Das 1984 gegründete CARMINA QUARTETT blickt auf eine lebendige und preisgekrönte Karriere zurück. Seit 2018 tritt es in neuer Besetzung auf: Neben Matthias Enderle (1. Violine) und Wendy Champney (Viola) - den beiden Gründungsmitgliedern des Quartetts - musizieren neu Agata Lazarczyk an der 2. Violine und Chiara Enderle Samatanga - die Tochter von Matthias Enderle und Wendy Champney - am Cello. Die neue Besetzung des Carmina Quartetts vereint die langjährige Erfahrung der Gründungsmitglieder mit dem Elan der Jugend. 

Matthias Enderle, Violine

Agata Lazarczyk, Violine

Wendy Champney, Viola

Chiara Enderle Samatanga, Violoncello

Konzertprogramm

 

Joachim Raff (1822-1882) - zum 200. Geburtsjahr des Komponisten 

Streichquartett Nr. 1  d-Moll op. 77 

Felix Mendelssohn Bartholdy

Streichquartett a-Moll op. 13 

Texte zum Thema Heimat

von Andreas Müller-Crepon

Literatur:

  • Ulrich Bräker (1735-1798): Lebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg, Hg von H.H.Füßli, Zürich, 1787, Kap. LVIII

  • Serhij Zhadan (geb. 1974): 2 Gedichte aus „Antenne“ (2020, Suhrkamp) und Tagebuch-Einträge aus Kharkiv (2022, auf Facebook)

  • Friedrich Hölderlin (1770-1843): 2 Elegien: „Der Gang aufs Land. An Landauer", „Heimkunft. An die Verwandten“. (ca. 1801)

 

HEIMAT

Ort der Erinnerung. Ort IN der Erinnerung, oft unwiederbringlich. Joseph von Eichendorff fand dafür die Verse: 

„Aus der Heimat hinter den Blitzen rot, / da kommen die Wolken her. / Aber Vater und Mutter sind lange tot, / es kennt mich dort keiner mehr….“

Heimat wird am klarsten spürbar, wenn es weh tut.

Stärker noch als aus der Ferne - in der Bedrohung. Heimat erschliesst sich schmerzhaft in Facebook-Einträgen aus der Stadt Kharkiv, vom Rockmusiker und Dichter Serhij Zhadan, der seine Posts schliesst mit den Worten: „Ruht euch aus Brüder - morgen wachen wir einen Tag näher an unserem Sieg auf.“ Der vielbeachtete Autor, der heute ganz im Osten der Ukraine geistige Verteidigun und Freiwilligenhilfe leistet, formuliert eindrücklich ein schrecklich aktuelles „Heimatgefühl“.

Grössere Spannung als diejenige zwischen dem heutigen Rock-Poeten und dem jungen Romantiker Felix Mendelssohn ist kaum denkbar. Doch seine künstlerische Heimat wird beim hochbegabten Berliner Teenager in vielen Anspielungen hörbar: In seinem a-Moll Streichquartett op.13 bezieht sich Mendelssohn unmissverständlich auf  Beethovens späte Streichquartette. Musikalische Heimat erweist sich hier (im Todesjahr Beethovens 1827) in kaum verschleierten Zitaten, in der formalen Auseinandersetzung mit dem grossen Vorbild. Und dem 18jährigen Mendelssohn gelingt, angestachelt von den späten Quartetten Beethovens, ein grosser Wurf. 

Wesentlich vorsichtiger als Mendelssohn hat sich Joachim Raff, der Schweizer aus Lachen, erst als Mittdreissiger an sein erstes Streichquartett gewagt. Das Opus 77 von Joachim Raff markiert eine Übergangszeit in seinem Schaffen - weg von der Assistentenstelle bei Franz List in Weimar zu seiner eigenständigen Karriere in Wiesbaden und Frankfurt - und zu einem der meist gespielten Komponisten seiner Generation. Nach seinem Tod allerdings ging Raff rasch vergessen, zu Unrecht, wie sich im Jubiläumsjahr zu seinem 200. Geburtstag zeigt.

Heimat erweist ihren Wert aus der Ferne, im Verlust.

Einer, den „ La maladie suisse“, die Schweizer Krankheit der Söldner in der Ferne, arg plagte, ist der Toggenburger Ulrich Bräker, genannt Näppis-Ueli, der sich blutjung anwerben liess, um dann als königlich-preussisches Kanonenfutter auf einem Schlachtfeld in Böhmen zu landen, wo er knapp mit heiler Haut davonkam und heimzu wanderte. Auch er kommt zu Wort mit einigen Erinnerungen.

Heimat aber ist auch Nähe, die wohltut. Verbundenheit, die Kraft gibt. Ein Gespräch unter Freunden.

Der Gang hinaus aus der Stadt, auf die Hügel um Stuttgart, oder die Wanderung aus den Alpen zurück ins schwäbische Land, mit Überfahrt nach Lindau am Bodensee, sie geraten zur Feier der Heimat, wenn wir einem Dichter zuhören, der den Heimatbegriff so weit gespannt hat wie keiner zu seiner Zeit. „Süd und Nord sind in mir“, schreibt Friedrich Hölderlin. „Heimkunft“ nimmt mit der Form der Elegie Bezug auf die Dichtung der Antike, und entwirft ein herrlich wildes Landschaftsbild der schöpferischen Naturkräfte.

Andreas Müller-Crepon

 

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Zum 200-Jahr-Jubiläum des Schweizer Komponisten Joachim Raff interpretiert das Carmina Quartett das erste Streichquartett, welches Raff 1855 geschrieben hat.

Joachim Raff

Am 27. Mai 1822 kam in Lachen am Zürichsee Joseph Joachim Raff zur Welt. Nach der Schulausbildung wurde Raff zuerst Primarlehrer in Rapperswil. Nach vier Jahren Schuldienst und autodidaktischer Ausbildung in Klavier- Orgel- und Violinspiel wählte er den Musikerberuf.

Im Sommer 1845 engagierte der Klaviervirtuose und Komponist Franz Liszt den jungen Raff als Sekretär. In diese Zeit fallen auch erste grössere Aufführungen seiner Werke («König Alfred» am Weimarer Hoftheater). Auf die Dauer war aber Raffs eigenständiger Charakter mit dem Liszts nicht zu vereinbaren und der junge Komponist ging (auch stilistisch) seine eigenen Wege.

1856 verliess er Weimar und siedelte sich für 21 Jahre in Wiesbaden an. Es folgte eine Zeit intensivster kompositorischer Tätigkeit neben seinem Wirken als Klavierlehrer und Dozent für Harmonielehre.

1877 wurde Raff als erster Direktor des Hochschen Konservatoriums nach Frankfurt berufen. Das Institut gewann in den ersten Jahren einen internationalen Ruf, nicht zuletzt dank Raffs Anstellung vorzüglicher Musikerpersöhnlichkeiten (Julius Stockhausen, Clara Schumann…). Kurz nach seinem sechzigsten Geburtstag starb Raff in seiner Wohnung in Frankfurt an einem Herzinfarkt.

Quelle https://joachim-raff.ch/joachim-raff/

Raffs Oeuvre umfasst eine grössere Anzahl an kammermusikalischen Werken. Das erste Streichquartett op. 77 komponierte er 1855. Das Werk ist dicht komponiert und spieltechnisch anspruchsvoll.

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Carmina Quartett
 

Das 1984 gegründete CARMINA QUARTETT blickt auf eine lebendige und preisgekrönte Karriere zurück: Von ersten Erfolgen an internationalen Wettbewerben (u.a. Gewinn des Premio Paolo Borciani im Jahr 1987) und prägenden Beziehungen zu Mentoren wie Sandor Végh und Nikolaus Harnoncourt führte der Weg zu einer regen internationalen Konzerttätigkeit mit Auftritten in bedeutenden Sälen wie der Wigmore Hall (London), dem Amsterdamer Concertgebouw, der Weill Recital Hall (New York), dem Sydney Opera House und der Suntory Hall (Tokyo). Für seine über 30 CD-Einspielungen erhielt das Quartett renommierte Auszeichnungen wie den Gramophone Award, den Diapason d'Or, den Choc du Monde de la Musique, den Preis der Deutschen Schallplatten-Kritik, eine Grammy- Nominierung sowie den Record Academy Award of Japan 2008. Das Quartett pflegt ausserdem das Zusammenspiel mit Musikern wie Wolfgang und Sabine Meyer, Hiroko Sakagami, Teo Gheorghiu, Rolf Lislevand und Thomas Grossenbacher.


Seit 2018 tritt das Quartett in neuer Besetzung auf: Neben Matthias Enderle (1. Violine) und Wendy Champney (Viola), zwei Gründungsmitgliedern des Quartetts, musizieren neu Agata Lazarczyk an der zweiten Geige und Chiara Enderle Samatanga am Cello.


Die 1992 in Krakau geborene Agata Lazarczyk absolvierte ihr Solistendiplom an der Zürcher Hochschule der Künste und ist als Solistin und Kammermusikerin europaweit aktiv. Zudem feierte sie viele Erfolge als Orchestermusikerin in Ensembles wie dem Verbier Festival Orchestra und Chamber Orchestra sowie dem Lucerne Festival Academy Orchestra und spielte von 2017-2019 erste Violine im Opernhaus Zürich. Zurzeit ist sie stellvertretende Konzertmeisterin an der Oper St. Gallen.


Chiara Enderle Samatanga, ebenfalls 1992 geboren, ist die Tochter von Matthias Enderle und Wendy Champney und hat ihre Kindheit auf Konzertreisen mit dem Carmina Quartett verbracht. Seither hat sie beim Lutoslawski-Wettbewerb in Warschau und beim Pierre Fournier Award in London erste Preise gewonnen und sich als erfolgreiche Solistin etabliert, unter anderem mit dem Tonhalle-Orchester Zürich, dem Musikkollegium Winterthur, der Nationalphilharmonie Warschau, dem Münchner Kammerorchester, der Kammerphilharmonie Potsdam und dem Philharmonia Orchestra (London).


Die neue Besetzung des Carmina Quartetts vereint die langjährige Erfahrung der Gründungsmitglieder mit der Vitalität und dem Elan der Jugend. Aufbauend auf der reichen Tradition des Carmina Quartetts entsteht eine neue musikalische Blüte.

Andreas Müller-Crepon

Andreas Müller-Crepon hat als Gymnasiast im Kammersprechchor Zürich sein Mundwerk geschult und dann Kunst, Romanistik und Musikwissenschaft studiert. Bis er sich fürs Theater entschied. Das Schauspielhaus Zürich bot wertvolle Impulse, dank einer kleinen Rolle bei Leopold Lindberg und der Begegnung mit Regisseuren wie Hans Hollmann, Werner Düggelin und Gerd Heinz. Die Lehr- und Wanderjahre führten nach Oberhausen und Düsseldorf. 

Als Sprecher, Darsteller, Dramaturg und Autor hat Andreas Müller-Crepon zahlreiche Projekte im Spannungsfeld von Musik und Sprache realisiert, u.a. mit dem Tonhalle Orchester, Musikkollegium Winterthur, Zürcher Barockorchester, am Festival les muséiques Basel sowie an der ZHdK. Journalistische Arbeit führte ihn vom Lokalradio „Z“ zum Klassiksender-Experiment „Opus Radio“. 

Für SRF 2 Kultur (früher DRS2) war er während beinahe 3 Jahrzehnten am Mikrofon, u.a. in der Jazz-Sendung „Apéro“ (Prix Walo 1998) und als Musikjournalist. Ab 2016 auch Musikproduzent für Sinfoniekonzerte und Kammermusik. Heute ist er freischaffender Moderator und Sprecher.

 
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