Laudatio von Manfred Papst zum 50-Jahr-Jubiläum der Kunst Gesellschaft Greife

Kleine Rede auf die Kunst Gesellschaft Greifensee

Von Manfred Papst

Liebe Frau Gemeindepräsidentin Monika Keller, liebe Elisabeth Melcher,

geschätzter Vorstand der Kunst-Gesellschaft Greifensee, werte Gäste

Es ist mir eine Freude und Ehre, hier ein paar Worte an Sie richten zu dürfen, obwohl das ein bisschen vermessen ist: Ich lebe mit meiner Familie erst acht Jahre in Greifensee. Andere könnten also weit kompetenter über das halbe Jahrhundert berichten, auf das die KGG nun zurückblicken darf. Allerdings haben wir zuvor fast zwanzig Jahre in Nänikon gewohnt, und bis 1990 hiess die KGG, wie einige von Ihnen sich sicher noch erinnern, "Kunstgesellschaft Nänikon-Greifensee". Mehr noch: Die allererste Ausstellung der Gesellschaft fand im Spätherbst 1966 nicht etwa im Schloss Greifensee oder im Landenberghaus statt, sondern im Oberstufenschulhaus Nänikon. Ohnehin hat die beiden Gemeinden, auch wenn sie politisch nicht zusammengehören, immer mehr verbunden als der gemeinsame Bahnhof. Greifensee war uns in unseren zwanzig Nänikoner Jahren stets näher als Uster, wo hauptsächlich der Steuervogt der Aussenwacht sass. Institutionen wie die Kunstgesellschaft oder der Elternverein Gryfechind haben die beiden Ortschaften zusammengehalten.

Zur Feier eines halben Jahrhunderts KGG hat Elisabeth Melcher eine Broschüre herausgegeben, die ich Ihnen sehr ans Herz legen möchte. Sie zeigt die Vielfalt der kulturellen Veranstaltungen, die hier stattfanden, aber sie zeigt auch, in welchem Umfeld dies geschah: 1966, im Gründungsjahr, zählte Greifensee gerade einmal 442 Einwohner; heute sind es rund fünfeinhalbtausend, also rund zwölf Mal so viele. Auf einer historischen Fotografie des Ortes, welche in der Broschüre zu finden ist, sehen wir ein Landstädtchen, das mit seinem Schloss und der kleinen dreieckigen Kirche fast mittelalterlich anmutet. Von Pfisterhölzli, Meierwis, Müllerwis und Sandbüel ist da noch keine Rede.

Und doch war es just diese kleine Gemeinde, die eine Kunstgesellschaft hervorbrachte, wie wir sie sonst nur aus grösseren Städten kennen. Bereits die erste Veranstaltungssaison, die vom 1. Oktober 1966 bis zum 5. März 1967 dauerte, umfasste neben der erwähnten Kunstausstellung im Näniker Schulhaus und einem Vortrag zur Geschichte des Belcanto am gleichen Ort sechs Konzerte in der Kirche Greifensee. Kammermusik und Lieder standen im Zentrum, es reiste aber auch der Genfer Kinderchor "Les Canaris" für zwei Konzerte an. Einzelbillette und Abonnements gab es damals noch in sage und schreibe vier verschiedenen Kategorien. Die teuersten Tickets kosteten 13.20 Franken, die günstigsten 7.70 Franken. Tempi passati; aber gemach: Auch heute sind die Eintrittspreise der KGG-Konzerte ausserordentlich günstig; gemessen an der Kaufkraft sind sie heute sogar noch günstiger als damals. Dass das möglich ist, hat verschiedene Gründe. Da ist zum Beispiel der Vorstand, der unzählige Stunden ehrenamtlicher Arbeit leistet, da sind aber auch die Förderer, Partner und Gönner, ohne deren Unterstützung die Konzerte nicht durchführbar wären. Und da sind die treuen Mitglieder, welche der Gesellschaft das Überleben sichern und nicht nur zu den Konzerten strömen, sondern auch an den Kulturreisen und Exkursionen teilnehmen - und die zwar ihren Barock, ihre Klassik und Romantik lieben, aber auch offen sind für die Musik anderer Zeiten und Kulturen sowie für Sonderveranstaltungen mit Künstlern wie dem unlängst verstorbenen Dimitri, der am 3. Februar 2007 im Landenberghaus seinen unsterblichen "Porteur" spielte.

Das Gedeihen einer Kunstgesellschaft steht und fällt mit der Programmierung. Die KGG ist kein genügsamer provinzieller Verein, sondern eine ehrgeizige Gesellschaft, die es versteht, namhafte Künstlerinnen und Künstler wie Ana Chumachenco und Wen-Sinn Yang, Daniel Behle und Oliver Schnyder, das Carmina Quartett und Noemi Nadelmann ins Landenberghaus zu locken. Ich nenne diese wenigen Namen stellvertretend für viele. Im Vorstand der KGG muss es während fünfzig Jahren immer mindestens eine Person gegeben haben, die gerne zählt und rechnet. Sonst wüssten wir nicht, dass hier insgesamt 1149 Musikerinnen und Musiker auftraten, die 374 Konzerte durchführten und dabei 78 Werke von Beethoven, 77 von Bach, 71 von Mozart und 54 von Schubert spielten. 55 Streichquartette traten hier auf, 23 Klaviertrios.

Bisweilen haben sich Leute gewundert, weshalb die KGG die Kunst in ihrem Namen führt, wo sie sich doch hauptsächlich der Musik widmet. Dazu ist zweierlei anzumerken. Zum einen standen am Anfang der Gesellschaft tatsächlich die bildenden Künste mit einer Gruppenausstellung von fünf lokalen Grössen. Bald änderte sich jedoch die Situation: Immer mehr Galerien öffneten ihre Türen, die Kosten für den Transport und das Versichern von Kunstwerken stiegen exorbitant. Deshalb fand 1988 die letzte Freiluft-Ausstellung im Städtli Greifensee statt.

Das ist jedoch nur das eine. Der zweite Punkt ist der, dass der Begriff Kunst ja nicht nur Malerei und Skulptur meint, sondern alle schönen Künste. Die "holde Kunst", die Franz Schubert in einem seiner schönsten Lieder besingt, ist die Musik. Und die höchste kulturelle Auszeichnung, welche die Stadt Zürich zu vergeben hat und die an Schriftsteller,

Filmemacher, Musiker, Schauspieler und Vertreter anderer Gattungen mehr gehen kann, heisst seit je Kunstpreis. Ich finde es deshalb schön, dass die KGG so heisst, wie sie heisst. Mir gefällt auch, dass sie sich Gesellschaft nennt und nicht Verein, obwohl sie rechtlich ein Verein ist. Die Gottfried-Keller-Gesellschaft in Zürich, für die als ehrenamtlicher Präsident tätig bin, hält es nicht anders. Übrigens heisst diese Gesellschaft nicht KGG, sondern GKG, was mir bisweilen einigen Denksport abverlangt.

Für meine Begriffe erfüllen die Konzerte der KGG, die seit vielen Jahren im Landenberghaus stattfinden, weil die schöne Kirche bald einmal zu klein geworden war, einen mehrfachen Zweck. Sie bringen die Fülle des Wohllauts, von der Thomas Mann im "Zauberberg" spricht, nach Greifensee. Sie bringen aber auch die Menschen im Städtchen zusammen.

Dank seiner hervorragenden Vernetzung ist es dem Vorstand immer wieder gelungen, Musikerpersönlichkeiten hierher zu bringen, die sich sonst an grössere Spielstätten und höhere Gagen gewöhnt sind.

Es ist wichtig, dass jedes Programm eine Reihe von Namen enthält, die ihm Glanz verleihen. Es ist aber auch wichtig, dass junge Musikerinnen und Musiker hier die Chance erhalten, sich vorzustellen – in idyllischer Umgebung, vor einem so kundigen wie wohlwollenden Publikum, in einem Saal, der immer wohlgefüllt ist – und nicht zuletzt mit der Aussicht auf einen grossen bebilderten Konzertbericht in den "Nachrichten von Greifensee", kurz "NaG", der ganz gewiss kein Verriss sein wird. Darüber mag man schmunzeln, es ist mir aber durchaus ernst damit. Junge Künstlerinnen und Künstler sind zarte Pflänzchen. Man darf sie nicht gleich den heftigsten Unwettern aussetzen, wenn sie gedeihen sollen. Die unbarmherzige Kritik kommt noch früh genug.

Noch etwas kommt hinzu: Kultur ist eine Pyramide. Und eine Pyramide besteht nicht nur aus der Spitze. Sie alle kennen den Satz "Zuhause muss beginnen, was leuchten soll im Vaterland". Er ist leider nicht von Gottfried Keller, der unserem Städtchen mit der bezaubernden Novelle "Der Landvogt von Greifensee" einen Ehrenplatz in der Weltliteratur gesichert hat, sondern von Jeremias Gotthelf, und er war nicht an eine Kunst-Gesellschaft gerichtet, sondern an einen Berner Schützenverein im Jahr 1842. Gleichwohl bleibt er wahr und wichtig. "Zuhause" – das meint in diesem Fall das Landenberghaus, heute noch das alte, bald einmal dann das neue. Doch ob alt oder neu: Wenn es rund um den Globus nicht Tausende von Landenberghäusern gibt, dann gibt es auch keine Zürcher Tonhalle, keine Scala, keine Berliner Philharmonie, keinen Wiener Musikverein und keine Met. Das meine ich, wenn ich sage, dass Pyramiden nicht nur aus Spitzen bestehen können.

Wir verbringen diesen Sonntag zusammen, um zu feiern. Wir tun das mit der Kunstausstellung von Carolyn Heer, die ich Ihnen aufs Wärmste empfehlen möchte, wir tun das mit dem musikalischen Divertimento "Der Landvogt gibt sich die Ehre", mit einem Fotowettbewerb und mit einem Familienkonzert, das der aus Chur stammende Liedermacher Linard Bardill zusammen mit den Schülerinnen und Schülern der 6.Klassen von Jasmin Beck und Lea Tschan zum Besten gibt. Der Vorstand der KGG hat sich da ein reichhaltiges Programm ausgedacht.

Vor allem aber gibt er uns Gelegenheit, in lebhafter Rede und heiterer Gemeinschaft die Kultur, ohne die wir doch nur trübe Gäste auf der dunklen Erde wären, zu feiern und weiterzutragen. Peter Fürst, der als Vorgänger von Elisabeth Melcher die KGG von 1988 bis 2004 leitete, hat in der Jubiläumsbroschüre geschrieben, die Buchstaben KGG stünden als Abkürzung für "Kultur Gross Geschrieben." So ist es, und so soll es bleiben. Ich wünsche der Kunstgesellschaft Greifensee ein langes Leben, den für sie Verantwortlichen gutes Gelingen und uns allen einen schönen Sonntag.

Zur Jubiläumsfeier der KGG, 18.9.2016 im Schloss Greifensee

Manfred Papst ist Ressortleiter Kultur der «NZZ am Sonntag»

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